Gotisches Haus, Stadtgeschichtliches Museum Berlin, Carina S. Magnani M.A.

 

„Menschen sind wie Gemälde – mit der Zeit dunkeln sie ein“, Richard Powers – Das grössere Glück

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Patrick Lemke hat gut lachen, wenn er bunte Farbkleckse erzeugt, auf einer hohen Leiter stehend, mit Terpentin herabspritzend. Vier Tropfen Rot, ein Tropfen Schweiß: Das scheint das Geheimrezept seiner über Monate langsam wachsenden Werke. Diese Leichtigkeit und Fröhlichkeit überträgt sich auf sein Werk und damit auf den Betrachter – und doch steckt harte Arbeit hinter den willkürlich wirkenden Farben und Formen.

Es ist ein Spiel, die Leinwand das Spielfeld. Ein Spiel mit Räumlichkeit und Farben, mit Seh- und Denkgewohnheiten, erschaffen durch Intuition und Berechnung. Lemkes Bilder sind eine Zwischenwelt, die uns einlädt, auf Reise zu gehen. Uns mit den, an Giotto und Caspar David Friedrich erinnernden, Rückenfiguren zu vereinen: zu springen, zu fallen, Schatten zu werfen oder selbst Schatten zu sein, sich zu verlieren in unendlichen Räumen, wieder zu finden an haltgebenden Linien. seien es architektonische, begrenzende oder Horizontlinien.

Wir schmiegen uns mit ihnen ins Grün einer Rasenfläche, schauen ins Blau eines Himmels – und erkennen unter dem Horizont sternrunder Lichtreflexe den eigentlichen Malgrund: Das klassische Landschaftsbild. Wie ist es Lemke möglich, dieses starre Genre neu zu beleben? – Geschieht dies durch Sampling und Bricolage, durch Brechung geläufiger Muster oder durch Empathie mit den Figuren, in welchen wir uns finden?

Lemke hat sich gefunden. Nachdem er sich in Berlin zunächst dem Realismus widmete, führte seine Entwicklung einen Schritt weiter: In die Auseinandersetzung mit dem Abstrakten ohne absolute Verneinung des Realismus, wie sie Klee und Kandinsky forcierten. In Markus Lüpertz fand er an der Düsseldorfer Kunstakademie einen Professor und Mentor, der ihn durch seine künstlerischen wie menschlichen Qualitäten überzeugte. Dessen intuitiv gesetzte Farben und Formen wirkten auf Lemke authentisch und konsequent. Er wurde Lüpertz Meisterschüler.

Meister ist Lemke darin, das Paradox von Abstraktion und Realismus in dialektischer Weise zu überwinden, und so etwas Neues zu schaffen. Etwas, dessen Duktus von Leidenschaft spricht. Und vielleicht ist es ja für den Betrachter das grössere Glück, sich in Lemkes farbenreichen Gemälden zu verlieren.

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Carina S. Magnani, M.A. – Kunsthistorikerin, Berlin

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Ausstellung „playgrounds“, Stiftung Starke Berlin